Quantencomputer sind für viele noch Zukunftsmusik – trotzdem taucht in IT-News 2026 immer häufiger ein sehr konkretes Thema auf: Post-Quantum-Kryptografie (PQC). Dahinter steckt die Umstellung auf neue kryptografische Verfahren, die auch dann sicher bleiben sollen, wenn leistungsfähige Quantencomputer bestimmte heutige Algorithmen brechen können. Für Unternehmen ist das keine akademische Debatte, sondern ein Planungs- und Migrationsprojekt.
Warum das jetzt relevant ist: „Harvest now, decrypt later“
Ein Kernargument in vielen Berichten lautet: Angreifer können heute bereits verschlüsselte Daten abgreifen und speichern – mit dem Ziel, sie später zu entschlüsseln, sobald passende Quantenkapazitäten verfügbar sind. Das betrifft vor allem Daten mit langer Schutzdauer: Verträge, Gesundheitsdaten, staatliche Informationen, IP/Patente oder sensitive Kundendaten.
Wenn Daten in fünf oder zehn Jahren noch vertraulich sein müssen, ist die PQC-Umstellung kein „späteres Problem“.
Welche Kryptografie ist betroffen?
Besonders im Fokus stehen Verfahren, die auf mathematischen Problemen basieren, die Quantenalgorithmen potenziell effizient lösen können – vor allem bei Public-Key-Kryptografie. Typische Einsatzbereiche: TLS/HTTPS, VPNs, Zertifikate, Code-Signing, E-Mail-Verschlüsselung und Schlüssel-Austausch.
- Typisch gefährdet (konzeptionell): asymmetrische Verfahren für Schlüsselaustausch und Signaturen.
- Weniger betroffen: viele symmetrische Verfahren (mit ggf. angepassten Schlüssellängen).
Was PQC praktisch bedeutet: Es ist eine Migration
Post-Quantum-Kryptografie ist kein „Update-Schalter“. Unternehmen müssen Abhängigkeiten finden, Zertifikatsketten prüfen, Libraries austauschen, Hardware/Appliances berücksichtigen und Kompatibilität zu Partnern sichern. Besonders kritisch: Systeme, die schwer zu aktualisieren sind (Legacy, Embedded, OT/Industrie, langfristige Gerätezyklen).
Ein realistischer PQC-Fahrplan in 6 Schritten
1) Kryptografie-Inventar erstellen
Welche Protokolle, Zertifikate, Signaturen und Schlüsseltypen werden wo genutzt? Dazu gehören Cloud-Services, interne APIs, VPNs, CI/CD, Secrets-Management, Mobile Apps und Partner-Schnittstellen.
2) Daten nach Schutzdauer klassifizieren
Welche Daten müssen 1 Jahr vertraulich bleiben – und welche 10+ Jahre? Priorität bekommen Daten mit langer Haltbarkeit und hoher Sensitivität.
3) Abhängigkeiten und „Krypto-Hotspots“ identifizieren
Typische Hotspots sind TLS-Termination, Zertifikatsausgabe, Code-Signing und Identity. Hier ist der Migrationsaufwand hoch, aber der Sicherheitsgewinn ebenfalls.
4) Hybrid-Ansätze testen
In der Praxis werden viele Umstellungen über hybride Modelle laufen: klassische Verfahren plus PQC-Mechanismen parallel, um Kompatibilität und Sicherheit zu kombinieren.
5) Lieferanten und Partner einbeziehen
Viele Umgebungen hängen an Appliances, HSMs, Load Balancern, SDKs oder Third-Party-APIs. Ohne Vendor-Roadmaps und Abstimmung mit Partnern wird die Migration zäh.
6) Governance: „Crypto-Agility“ etablieren
Die wichtigste Lehre: Kryptografie darf nicht hart im Code „eingebrannt“ sein. Crypto-Agility bedeutet austauschbare Algorithmen, zentrale Policy-Steuerung, Versionierung und klare Rollout-Prozesse.
Was das für Privatnutzer bedeutet
Für Nutzerinnen und Nutzer wird PQC zunächst indirekt sichtbar: Browser, Betriebssysteme und große Dienste aktualisieren Sicherheitsmechanismen im Hintergrund. Wichtig bleibt: Geräte aktuell halten, Updates nicht aufschieben und bei sensiblen Accounts MFA/Passkeys nutzen.
Fazit
Post-Quantum-Kryptografie ist 2026 vor allem ein Planungsfenster: Wer jetzt inventarisiert, priorisiert und testet, vermeidet später hektische Umstellungen. Der Trend ist weniger „Quantenhype“ als ein konkretes Programm für langfristige Vertraulichkeit – besonders dort, wo Daten nicht nach zwei Jahren wertlos sind, sondern nach zehn Jahren noch sensibel.
